Warum das Fremdbild so wertvoll ist – Feedback als Zugang zu unseren „Blinden Flecken“

Warum das Fremdbild so wertvoll ist – Feedback als Zugang zu unseren „Blinden Flecken“
Photo by Florian Mock

Für manche ist Feedback ein Bedürfnis und Geschenk, manche vermeiden es lieber. Dabei ist Feedback von anderen für unsere persönliche Entwicklung notwendig und hierfür eine gute Grundlage, sofern es konstruktiv gegeben wird. Aber wofür brauche ich eigentlich das Fremdbild? Weshalb ist die Wahrnehmung durch andere so wichtig?  

Jeder, der sich intensiver mit dem Thema Kommunikation beschäftigt, stolpert zwangsläufig über das Johari-Fenster, benannt nach den amerikanischen Sozialpsychologen Joseph Luft und Harry Ingham (1955). Mit dem Fenster können die verschiedenen Bewusstseinsbereiche von Personen und die Veränderung von Selbst- und Fremdwahrnehmung abgebildet werden.  

Johari-Fenster nach Luft und Ingham
(eigene Darstellung)

Das Johari-Fenster ist eigentlich recht selbsterklärend: Die Selbst- und Fremdwahrnehmung werden darin differenziert, was mir und anderen jeweils bekannt und unbekannt ist. So entstehen die vier Fenster “Öffentliche Person”, “Mein Geheimnis”, “Blinder Fleck” und “Unbewusstes” (in der Literatur existieren verschiedene Namen für die vier Bereiche).  

Der Bereich der „Öffentlichen Person“ beinhaltet die Schnittmenge von mir bekannten Eigenschaften und denen, die ich anderen von mir öffentlich mache. Auf der anderen Seite gibt es den Bereich “Mein Geheimnis”, der mir bekannt ist, den ich aber vor anderen verstecke. In der Kommunikation mit anderen kann ich nun den Bereich der Öffentlichen Person vergrößern, indem ich meine eigenen Bedürfnisse, Einstellungen und meine innere Haltung teile.  

Weiterhin liegen im Bereich “Unbewusstes” Dinge, die weder mir noch anderen bekannt sind. Für den Feedbackprozess ist besonders der vierte Bereich, der “Blinde Fleck” interessant. Dieser umfasst Aspekte, die für mich selbst nicht sichtbar sind, für andere aber schon. Wenn wir uns mit unserem Blinden Fleck auseinandersetzen, gleichen wir unsere Selbst- und Fremdwahrnehmung miteinander ab, wodurch sich der Anteil des Blinden Flecks verkleinert und der Bereich der Öffentlichen Person vergrößert. 

Feedback zum Aufdecken mir unbekannter Schwächen

Der Blinde Fleck umfasst zum einen die Schwächen, die ich nicht einsehen kann. Diese gehören häufig zu den Lieblingsfragen von Personalern im Vorstellungsgespräch.  Zu den Schwächen stehen Bewerber oftmals nicht – bewusst oder unbewusst, eben weil sie diese nicht kennen.  Dabei ist es gut und wichtig, seine Schwächen zu kennen, um bewusst mit ihnen umzugehen und sich selbst weiter zu entwickeln. Wer diese authentisch im Vorstellungsgespräch benennen kann, demonstriert schonmal eine gute Fähigkeit zur Reflektion. 

Aber auch ganz unabhängig vom Bewerbungsgespräch gilt: Wenn ich meine Schwächen kenne, kann ich an diesen arbeiten.  

Das Wissen über das Johari-Fenster und besonders über den Blinden Fleck ist außerdem hilfreich, wenn ich ein Feedback erhalte, das ich im ersten Moment nicht nachvollziehen kann. Möglicherweise ist genau dieses Feedback das wertvollste für meine Entwicklung.  

Feedback zum Aufdecken mir unbekannter Stärken  

Nicht nur meine Schwächen, auch mir unbekannte Stärken können durch Feedback aufgedeckt werden. Tatsächlich unterschätzen wir uns hinsichtlich unserer Stärken mehr als hinsichtlich unserer Schwächen.  

Die Ursache hierfür liegt vor allem beim Vergleichsmaßstab zu anderen Personen. Nach der Theorie des sozialen Vergleichs (Festinger, 1954) brauchen wir für die Urteilsbildung über unsere allgemeinen Fähigkeiten den Vergleich zu anderen, wobei hier die Ähnlichkeit zur Vergleichsperson eine entscheidende Rolle spielt. Wenn wir uns nun also hinsichtlich unseres Verhaltens mit anderen vergleichen, dann sind es Personen, die ähnlich handeln, sodass uns unser eigenes Verhalten nicht mehr besonders vorkommt. Anders gesagt merken wir selbst gar nicht, was für Stärken wir haben, wohingegen Freunde, Familie, Verwandte, Arbeitskollegen, etc. diese vielleicht durchaus bemerken. Wie oft hatten Sie schon die Situation, dass Sie etwas als völlig normal empfunden haben, jemand anderes Sie aber bewundert und Ihnen Respekt gezeigt hat?  

Was könnten Ihre Blinden Flecken sein? Probieren Sie einmal bewusst, die verschiedenen Bewusstseinsanteile in verschiedenen Kommunikationsprozessen zu reflektieren. Fordern Sie außerdem aktiv Feedback von anderen ein, um Ihr Selbstbild mit Ihrem Fremdbild abzugleichen und eine Grundlage für Ihre persönliche Entwicklung zu schaffen.